Die Sache mit dem Alter

Dieser Artikel brennt mir schon lange auf der Seele und trotzdem habe ich Schwierigkeiten, meine Gedanken dazu in Worte zu fassen! Nun hat Béa vor kurzem einen Artikel genau darüber verfasst nun sitze ich hier und versuche es wieder einmal. (Hier geht es zu dem Artikel von Béa.)

Ich werde nächstes Jahr 40 Jahre alt und bin glücklich! Unendlich glücklich! Glücklich über unsere kleine Familie, glücklich darüber, dass meine Mama und mein Herzmann sich so gut verstehen, glücklich, dass sie uns so viel unterstützt und jeden Tag, den sie die Krümel nicht sehen kann, sich zumindest nach ihnen erkundigt. Ebenso bin ich glücklich, so tolle Freundinnen zu haben, denn ich weiß, ich werde niemals wirklich alleine sein, selbst wenn ich mal alleine bin. Wisst Ihr, was ich meine?

Aber warum genau bin ich mir da so sicher? Ich muss nur ein wenig weiter über den Tellerrand schauen und schon sind da Leute, die sind einsam! Einsam, obwohl sie vielleicht mal genauso wie ich gedacht haben! Vielleicht…

Zum einen ist da mein Papa. Er war mein Held, mein Pabbi. Wir haben mindestens einmal in der Woche telefoniert und uns sooft gesehen, wie es ging. Und wenn es nur auf eine Pizza oder ein schnelles Eis war. Dazu muss ich sagen, dass sich meine Eltern getrennt haben, als ich noch kein Jahr alt und es dennoch bis zu dem Zeitpunkt geschafft haben, sich nicht zu zanken vor mir. Ganz im Gegenteil, ich hatte immer beides! Meine Mama, die mich erzogen hat und mein Papa, zu dem ich jederzeit konnte, wenn ich es wollte und der früher weniger, später öfter zu uns zu Besuch kam. Wir sind sogar bis ich 15 Jahre alt war, zu dritt in den Urlaub gefahren 🙂 Dann habe ich meinen Herzmann kennengelernt und mein Papa hat beschlossen, nicht zu unserer Hochzeit zu kommen. Er hat beschlossen, meinen Herzmann nicht zu mögen und meint, er sei schlecht. Begründung? Keine wirkliche. Er hätte „im Gefühl“ und manchmal solle man einfach mal auf die Älteren hören! (Deswegen hat er auch keinen Kontakt zu seinem Vater, da genau der ihm jeden Schritt seines Lebens vorgeschrieben hatte, was er studieren soll etc.) Mein Opa findet meinen Schatz im Übrigen klasse und ich denke, dass mein Papa ihn nicht mag, weil er eher wie Opa ist: gradlinig, erfolgreich, Geschäftsmann, Spießer. Nun fragte mich vor kurzem mein Schatz, ob ich es mir verzeihen könnte, wenn mein Papa irgendwann nicht mehr sei und wir bis dahin noch immer kaum Kontakt hätten. Und ich muss sagen, dass ich es nicht weiß! Nach der Hochzeit hatten wir ersteinaml komplette Funkstille und haben uns dann ein paar Mal getroffen. Da er aber immer wieder doofe Sprüche über meinen Schatz angelassen hat, habe ich ihm gesagt, dass ich das nicht kann. Ich liebe meinen Mann und wenn jemand ihn so sehr ablehnt, wie soll ich denjenigen dann mögen? Jetzt wo die Krümel da sind, ist das alles noch etwas komplizierter und ich mag da eigentlich gar nicht drüber nachdenken. Meine Brüder, Papa und ich (wir haben alle verschiedene Mütter) haben eine gemeinsame Whatsapp-Gruppe, wo ich das erste Bild der Krüme hingesendet habe. Und auch ein Online-Album habe ich eingerichtet mit Bildern und ihm ebenfalls den Link gesendet. Ich möchte ihm gar nicht diese süßen Krümel vorenthalten, ICH möchte ihn nur einfach nicht sehen. Wenn meine Mama mal alleine bei sich auf die beiden aufpassen wird, kann sie ihn gerne einladen, er ist schließlich ihr Opa, oder sie trifft sich mit ihm in der Stadt (da ist die Gefahr geringer, dass er auf meinen Schatz trifft, denn wir wohnen in derselben Straße). Und genau das ist, was mich traurig macht! Da hat ein Mann eine groooße Familie (3 Schwestern, einen Papa, eine Tochter, drei Söhne, einen Schwiegersohn, meine Mama und zwei Enkel) und sitzt dennoch an Weihnachten alleine zu Hause oder fährt alleine in den Urlaub, da er bis auf zu seinen Söhnen und meiner Mama keinen Kontakt hat, da IRGENDWANN mal IRGENDETWAS vorgefallen ist, was es ihm unmöglich macht! Klar machen alle mal Fehler und wo geliebt wird knallt es auch mal ordentlich, aber man muss doch in der Lage sein, zu verzeihen und Fünfe gerade sein zu lassen? Es tut mir in der Seele weh, zu wissen, dass er einsam ist und trotzdem kann ich es nicht ändern. Ich habe ihm geschrieben, dass er den Weg über meinen Mann gehen muss und dass unsere Tür offen steht, nur er muss den ersten Schritt machen!

Dann gibt es da noch meine Oma. Da meine Mama alleinerziehend war, hat sie uns damals viel geholfen. Genau erinnern tu ich mich nicht mehr daran (nur an Einzelheiten), meine Freundin (wir kennen uns seit Geburt an) sagte mir jedoch mal, dass ich meine Oma ziemlich doof fand. Dass sie nicht der netteste Mensch war, weiß ich. Auch erinnere ich mich daran, wie sie früher (da war ich dann schon älter und wir sind mit ihr zusammen gezogen) ihre Ausraster hatte und auf meine Mama losgegangen ist, so dass ich auch mal zu den Nachbarn gerannt bin, um Hilfe zu holen. Dass sie verbal ganz schön fies sein kann und manchmal eine ganz schöne Hexe war! Mir gegenüber war sie nie gewalttätig, ich kriege jedoch Gänsehaut, wenn ich Geschichten aus der Kindheit meiner Mama höre. Ich erinnere mich zumindest daran, dass meine Oma mir (als ich ein Kind war) stundenlang Geschichten erzählt hat und mir beigebracht hat, rote Grütze mit Sago zu kochen. Warum sie ist, wie sie ist, liegt an ihrer Vorgeschichte. Sie war 6 Jahre lang in Gefangenschaft, wurde dort vermutlich misshandelt und vergewaltigt, hat gesehen, wie man ihre kleine Schwester umgebracht hat, in dem man sie an der Zöpfen an einer Brücke aufgehängt hat, bis sie satrb und und und. Ach, ich könnte hier noch so vieles schreiben, denn auch das wäre (wie auch das Thema „Papa“) mehrere eigene Posts wert, aber darum geht es hier gerade nicht. Mir geht es darum, dass meine Oma alt ist. Und bedingt durch ihre Demenz vieles durcheinander bekommt. Sie vergisst einiges, aber seitdem sie Uroma ist, ist sie stolz wie Bolle! Sie trägt Fotos der Krümel in ihrer Handtasche und zeigt sie jedem, der in ihre Nähe kommt. Sie schnappt sich Ihren Rollator, läuft zum Bus und fährt quer durch die Stadt oder trinkt etwas im Einkaufscentrum und sucht den Kontakt zu anderen, die sie unterhalten kann. Wenn es nach ihr ginge, würde sie jeden Tag vorbeikommen, sich hinsetzen und die Krümel anschauen. Und ich? Ich kann es nicht. Ich kann sie nicht jeden Tag um mich haben. Zum einen, da es manchmal ganz schön anstrengend ist, sich 10 Mal hintereinander dieselben Geschichten anzuhören. Sich anzuhören, wie schrecklich meine Mama doch ist (sie kümmert sich wirklich liebevoll und ausgibig um sie), Ihren Lästereien über die Familie ihres Sohnes zu lauschen und gleichzeitig zu sehen, wie scheinheilig sie ist, wenn sie sie sieht und danach in den höchsten Tönen lobt. Dazu kommt, dass sie nicht sehr gut riecht, ich Inkontinenzunterlagen dort hinlege, wo sie sich hinsetzt und ersteinmal die Toilette putzen muss, nachdem sie drauf war. Ich bin was meine Gefühle angeht ihr gegenüber sehr zwiegespalten, denn auch sie tut mir auf der anderen Seite wahnsinnig leid! Sie möchte einfach nur nicht alleine sein und für ihre Vergangenheit kann sie nichts. Und sie ist wirklich mild geworden und mittlerweile komme ich gut mit ihr aus, ich mag sie nur nicht hier haben. Und auch wenn ich mich dafür schäme, habe ich sogar unsere Klingel ausgestellt, denn an manchen Tagen steht sie bis zu dreimal vor der Tür und klingelt. Dass ich sie gebeten habe, anzurufen, damit ich ihr sagen kann, wann es am besten passt, dass ich ihr versprochen habe, mit ihr spazieren zu gehen, wird ignoriert (oder vergessen, wofür sie ja auch wieder nichts kann).

Wie finde ich also einen Mittelweg, anderen zu helfen, ihre Einsamkein zu besiegen ohne die Last auf meine Schultern zu laden?

Wie wird es mir ergehen, wenn ich alt bin? Habe ich dann noch meine Freunde oder werde ich auch komisch und vergraule jeden? Halte ich den Kontakt zu meinen Kindern, ohne mich aufzudrängen? Kann ich mich im Alter alleine beschäftigen?

Aus heutiger Sicht wüsste ich ganz klar, was ich antworten würde. Ich bin jemand, der Freundschaften pflegt, der Kompromisse eingehen kann, mit dem man sich streiten, sich aber auch woeder vertragen kann! Ich denke, ich bin recht umgänglich und wage zu behaupten, dasas ich nie einsam sein werde (wie auch meine Mama es nicht ist, trotz dessen, dass sie fast 70  und ohne Partner ist). Aber wie wird es wirklich in 40 Jahren sein? Tatsache ist, dass ich es nicht weiß und dass mich das traurig macht, andere traurig zu sehen und dass ich nicht derjenige sein möchte, der andere später zu genau dieser Traurigkeit veranlassen wird.

Ich möchte versuchen, meine Oma öfter zu sehen, ohne sie jeden Tag hier zu haben. Ich möchte, dass sich mein Papa einen Ruck gibt und dass der Herzmann das Friedensangebot dann auch annimmt. Ich möchte, dass jeder überall willkommen ist und dabei merkt, wenn er gerade stört. Ich möchte im Alter nicht alleione sein und ich möchte auf keinen Fall, dass ich irgendwann diejenige sein werde, die man meidet (aus welchen Günden auch immer).

Alt zu werden ist mit Sicherheit nicht einfach und gerade, wenn einem die eigenen Prinzipien im Wege stehen oder man langsam dement wird, ist es mit Sicherheit beängstigend!

Ich weiß das und trotzdem kann ich jetzt gerade nicht anders. Und das tut mir irrsinnig leid!

 

3 Kommentare

  1. Pauline Homp

    Liebe Pippa!
    Das hast du wunderschön geschrieben.Ja so ist so manches Leben 😉 …leider….
    Mein Vater ist auch ein Sturkopf, also ähnlich wie dein Vater.
    Manchmal bleibt einem wirklich nix anderes übrig, als die Klingel auszuschalten etc. Auch wenn man die Menschen noch so liebt♥

    ♡♡Ich wünsche euch allen einen schönen Sonntag und morgen eine gute Woche♥♥

    Liebe grüße Pauline 🙂

  2. Ich kann das alles sehr nachvollziehen. ICh liebe meine Omi, aber als es noch ihren Lebensgefährten gab (ja Lebensgefährten, nicht mein Opa obwohl er mein ganzes Leben da war) hab ich mich nicht sehr oft mit ihr getroffen, weil er immer dabei war und ich einfach probleme mit ihm hatte. Er war sehr stark dement. Vielleicht schon Alzheimer, aber auch als Kind wo er das noch nicht war kam ich mit seiner Art nicht klar. Und sein Verhalten hat sich mit der Demenz nur noch verschlechtert.
    Mittlerweile ist er gestorben. So gemein es klingt, aber durch die Familie ging dadurch ein leichtes aufatmen. Bei meiner Omi natürlich nicht. Sie hat auf Grund ihrer Erlebnisse durch den Krieg und das Leben starke Verlustängste. Aber sie kann man besser haben wenn auch nicht jeden Tag.
    Wir haben ein festes Ritual gegründet. Immer Mittwochs treffen sich meine Omi, Mam und ich zum Kaffeeklatsch. Oft hab ich keine Lust, eigentlich anderes zu tun. Aber diese zwei Stunden in der Woche nehm ich mir. Wer weiß wie lange sie noch da ist mit ihren 89 Jahren.

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