Trennungsschmerz

Nun sitze ich hier, meine Nase hat dieses bestimmte Kribbeln und kann die Tränen nur schwer davon abhalten, sich ihren Weg zu erkämpfen! Ich denke an schöne Sachen, um mich abzulenken. An Lustiges, um die Tränen versiegen zu lassen! Doch automatisch habe ich das Bild vor Augen, wie der Käfer am Fenster steht und nur die Scheibe ihn daran hindert, sich von Oma E. loszureißen und sich wieder mir in die Arme zu schmeißen! Ich laufe die Auffahrt entlang und winke meinen Krümeln noch einmal vom Zaun aus zu, wie ich es versprochen hatte, bevor ich ins Taxi steige und mich zum Flughafen bringen lasse…

Heute ist mein offizieller erster Arbeitstag! Nach meiner etwas mehr als zweijährigen Elternzeit habe ich nach einer intensiven Bewerbungsphase einen wirklich tollen Job gefunden. Ich kann wieder in meinem Beruf arbeiten und das sogar in Teilzeit. Da ich in bei uns am Standort vorerst alleine in meiner Abteilung sein werde, bekomme ich für drei Tage eine Einarbeitung in Süddeutschland, um alle Systeme und Abläufe gezeigt zu bekommen.

Drei Tage klingt erstmal gar nicht schlimm, doch je näher der Termin rückte, desto mulmiger wurde mir.

Drei Tage und drei Nächte, in denen die Krümel von Oma E., Oma M. tagsüber und von Herrn Nilsson nachts betreut werden. Und in die Kita gehen sie ja auch! Die Krabbe ist mittlerweile sogar ganz tapfer, wenn ich ihr vorher erkläre, dass ich gleich gehe und bald zurück bin, der Käfer hingegen bekommt immer leichte Panik dabei. Woher das rührt, kann ich mir nicht erklären, denn wir haben beiden immer von Beginn an gesagt, wenn wir kurz gehen, und sei es nur zum Bäcker, gleich aber wieder da sind. Das ist im Übrigen auch der Grund, warum mein Mann die Eingewöhnung in der Kita übernommen hatte! Mit mir hätte es bestimmt nicht so reibungslos und schnell funktioniert! Heute auf jeden Fall bin ich während des Mittagessens aufgestanden und habe mich vor die Krabbe gehockt. Ich habe sie gefragt, ob sie mich einmal ganz fest drückt und mir einen Kussi gibt. Sie hat gestrahlt und ich hatte das Gefühl, sie hat verstanden, dass ich gleich fahre und sie dann zusammen mit dem Käfer und Oma E. am Fenster winken würden und ich schon bald wieder zu Hause sein würde. Der Käfer hat in diesem Augenblick jedoch panisch angefangen zu weinen und als ich zu ihm um den Tisch rum ging, um auch ihn fest zu drücken, sprang er mir regelrecht an den Hals und war nur schwer zu überreden, sich auf den Stuhl am Fenster zu setzen. Er hat es zwar gemacht, wirkte aber starr vor Verzweiflung, was mir so unendlich wehtat! Je mehr ich versucht habe, ihn zu beruhigen, desto schlimmer wurde es, weswegen ich dann gegangen bin und wie versprochen draußen gewunken habe.

Ich weiß ja, dass er sich nach ein paar Minuten beruhigt, dass die Krabbe ihm Halt gibt, er beide Omas abgöttisch liebt und die beiden in guten Händen sind, aber trotzdem zerreißt es mich. Dieses Gefühl, wie er weinend am Fenster stand, die kleinen Händchen gegen das Glas gepresst und diese Verzweiflung in seinem Blick schnüren mir gerade die Kehle zu.

Natürlich hätte ich auch noch warten können, bis ich wieder anfange zu arbeiten, aber bis auf meine Schulungen wird sich für die Krümel nichts ändern. Ich arbeite vormittags, während sie in der Kita sind und hole sie um 14:30 Uhr ab, um den Nachmittag mit Ihnen zu verbringen. Das einzige, was sich ändern wird, ist meine Zeit, Dinge zu erledigen, die ich mit den Krümeln gemeinsam nur schwer erledigen kann. Diese muss ich nun in die Abendstunden schieben, aber auch das werde ich irgendwie schaffen.

Ich glaube, was mich so belastet, ist der Gedanke, dass wenn er nachts nach mir ruft, ich nicht da sein kann. Mein Mann ist zwar da und wir haben es lange geübt, dass auch er ihn beruhigen kann, aber gerade im Moment steckt der Käfer in einer Phase, in der er ganz viel Sicherheit von meiner Seite aus braucht! Er ist verkuschelter als sonst und muss nachts immer mal wieder meine Hand halten. Nur kurz, aber stetig und oft. Es ist, als müsse er sich vergewissern, dass ich noch da bin! Dass ich ihn auffange, wenn er mich braucht. Und genau das bin ich! Normalerweise! Für ihn und die Krabbe! Mich hat es nie gestört, meine Bedürfnisse hinter die meiner Krümel zu stellen. Nächte ohne Schlaf waren und sind bis heute aushaltbar, weil ich sehe, was für wundervolle und normalerweise selbstsichere kleine Menschen dadurch aus ihnen werden.

Und bevor mir nun die Tränen auf die Tatstatur fallen, rufe ich mir einfach in den Sinn, dass ich vielleicht die Welt für meine beiden kleinen Krümel bin, es sich aber auszahlen wird, dass sie eben nicht nur mich als Bezugsperson haben, sondern sie auch dem Papa, beiden Omas und den Betreuerinnen in der Kita ganz nah sind und sie alle die kommenden Tage ein Stückchen mehr als sonst sowieso schon auf sie eingehen werden. Wir werden Videos und Sprachnachrichten hin- und herschicken, die Omas werden sie von vorne bis hinten verwöhnen, wie nur Omas es können und sie werden mich zwar vermissen, aber es wird ok sein. Es IST ok!

Und ich?

Ich werde die drei Nächte nutzen, um nach zwei Jahren einmal ohne Unterbrechung zu schlafen! Mehr als nur ein paar Stunden und das an einem Stück!

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