Würde ich alles Ungeschehen machen, wenn ich könnte? Die Zeit zurückdrehen?

Ich weiß es noch, als wäre es gerade erst gestern gewesen: die Krümel waren vielleicht sieben Monate als gewesen und ich musste jeden Tag zweimal zwei Stunden spazierengehen, damit sie tagsüber in den Schlaf finden konnten. Zweimal zwei Stunden!! Einmal am Vormittag und einmal am Nachmittag!

B(r)eikost

Dazwischen habe ich versucht, sie mit Brei zu füttern. Tom liebte es, sei es selbstgekocht oder aus dem Glas, Brokkoli, Pastinake, Karotte, mit Kartoffel oder Nudeln, mit Fleisch oder ohne. Es war nie viel, was er aß, aber er hatte seine Freude damit! Anni hingegen aß auschließlich Gläserkost! War es gestern zu stückig, ging es heute nicht ohne. Spaghetti Bolognese?? Heute war es das Schlimmste, was ich ihr hätte anbieten konnte und morgen würde es das einzige sein, was sie essen würde. Die Breiphase war definitiv eine der härtesten im ersten Jahr und hätte mir irgendjemand…! Ich schweife ab! Ich saß also nach meinem Nachmittagsspaziergang auf der Bank vor der Tür, schunkelte den Kinderwagen, während ich ihn vor und zurück schob und ließ mein Leben Revue passieren. War es wirklich das, was ich gewollt habe? Ich habe meinen Job verloren, habe so gut wie kein Privatleben mehr, drei Stunden Schlaf am Stück wäre ein Traum. Einen kurzen Augenblick überlegte ich, was ich machen würde, wenn mir jemand die Möglichkeit gäbe, die Zeit zurückzudrehen und alles ungeschehen zu machen. Würde ich es tun?

auf die Geschwindigkeit kam es an

Mein müdes Ich, das die letzten sieben Stunden damit beschäftigt war, entweder den Kinderwagen durchs Dorf zu schieben und jeden dabei verflucht hat, der lautstark: “Moooin! Wie geht’s? Sind das Zwillinge?” gerufen hat, oder sich dem Brei-Projekt gewidmet hat, hüpfte vor Begeisterung aufgeregt auf und ab und wollte laut: “Jaaaa bitte, ich will mein altes Leben wieder haben!” Doch mein richtiges Ich, das gerade nur mehr dazu fähig war, zu funktionieren, wusste es tief in sich drinnen, fühlte dieses ganz besondere Band, diese unbeschreiblichen Gefühle, wenn sich eines der beiden Krümel zufrieden an es kuschelte und dabei diese zuckersüßes Babylaute von sich gab. Es dachte an die Momente, in denen die Krümel zum Fressen süß waren und hat diesen spontanen Gedanken aber sowas von zum Teufel gejagt.

Während ich diese Zeilen schreibe, beschleicht mich das Gefühl, das bereits einmal geschrieben zu haben und das obwohl ich ziemlich sicher bin, es nicht getan zu haben. Ich glaube, diese Situation ging mir einfach so oft durch den Kopf, dass sie so präsent ist für mich. Doch das war nicht die einzige. In anderen Situationen hatte ich Gedanken, die ich damals kaum auszusprechen gewagt habe außerhalb meiner engsten Vertrauten, denn diese Gedanken sind einfach so abstrus und fern dessen, was man sich selbst zutraut, dass man sich im selben Moment aus schon fast schämt, sie überhaupt gedacht zu haben.

Spazierengehen für ein wenig Schlaf

Es waren Gedanken wie, dass ich gut verstehen könne, dass einem Elternteil die Sicherung durchbrennt! Warum Eltern ihre Kinder aus dem fünften Stock vom Balkon werfen oder sie solange schütteln, bis sie ruhig waren! Ich konnte es verstehen, nicht jedoch nachvollziehen! Das, was kurz als Gedanke aufkeimt ist zum Glück meilenweit davon entfernt, was ich je gewagt hätte, zu tun. Bloß, weil man versucht, seine Gefühle mit Taten zu beschreiben, heißt es auf keinen Fall, dass man aus nur ansatzweise in der Lage dazu wäre. Einmal habe ich meinen Mann angerufen und ihm gesagt, dass wenn er nicht auf der Stelle von der Arbeit nach Hause kommt, ich die Kinder im Kinderwagen vor die Tür stelle und ein Schild mit der Aufschrift: “Zu verschenken!” dranmache! Natürlich habe ich es nicht gemacht! Vielleicht ist es wie mit Träumen! Wenn ich mal lang genug schlafe, um zu träumen, träume ich immer sehr lebhaft und bunt. Ich mache Sachen, die ich im realen Leben nie tun würde! Auch nicht, wenn es keine Konsequenzen gäbe. Es sind einfach Träume, wie das davor spontane Gedanken waren! Oder ein besserer Vergleich: es ist wie der Augenblick, in dem Du über eine Brücke gehst und Dein Handy sowie Portemonnaie ganz fest halten musst, weil Du befürchtest, es sonst einfach über die Brüstung zu werfen, bloß, um es fliegen und untergehen zu sehen. Du würdet es nicht tun und trotzdem festigt sich Dein Griff. Weißt Du, was ich meine?

Zum Glück hatte ich sehr ehrliche Freundinnen, bei denen ich Aussagen wie: “Ich könnte sie an die Wand klatschen! Dieses Kind ist der reinste Terrorist! Mama zu sein ist die reinste Folter!” doch hin und wieder zu hören bekam! Und nein, diese Mamis waren nicht überfordert, sie sind tolle und aufopfernde Mamas, die wie auch ich meine, ihre Kinder gegen jeden Unheil wie eine Löwin verteidigen würden. Dank ihnen wusste ich, dass solche Gedanken normal sind und ich mich nicht dafür schämen musste. Erst später, als ich viele andere Zwillingsmamas kennengelernt habe, wusste ich, ich bin definitiv nicht allein und solche spontanen Gedankenblitze (mir fällt kein besseres Wort dafür ein) kennt jede einzelne von ihnen.

Mama zu sein IST Folter! Manchmal! Wenn Du keinen über 30 Stunden keinen Schlaf bekommst,… Wenn die Kinder scheinbar nicht aufhören wollen zu schreien… Wenn die Kinder nur schlafen, wenn Du in Bewegung bist… Wenn… (die Aufzählung ist endlos weiterzuführen). Warum also redet kaum einer wirklich darüber? Wieso schämen wir uns für Gedanken wie diese?

entspanntes Picknick im Garten

Heute sind die Krümel etwas über zwei Jahre und das wirklich Wunderbarste, was mir je hätte passieren können! Ich schlafe zwar noch immer nicht so, wie ich es mir wünschen würde, aber ich habe gelernt, es auszuhalten. Die Krümel bringen mich jeden Tag mindestens einmal zum lachen, wenn ich in ihre Gesichter schaue, wird mir warm ums Herz und wenn sie weinen (Trotzanfälle mal ausgeschlossen), lasse ich alles stehen und liegen und gebe ihnen Halt und Sicherheit. Ich bin Ihr Fels und sie sollen sichimmer auf mich verlassen können! Ich möchte die Zeit nicht zurückdrehen, niemals und für nichts und niemanden auf der Welt!

Abschließend kann ich nur sagen: “Es wird besser! Jeden Tag ein Stückchen und es gibt auch anstrengende Phasen, aaaber es wird besser und immer schöner!”

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