Wut aufs Zwillingsmama-Schicksals? Ein ganz normales Gefühl…

Juli vom Doppelkinder-Blog habe ich vor ein paar Monaten das erste Mal in Berlin getroffen! Lange schon folgten wir uns auf Instagram und auch WhatsApp-Sprachnachrichten wurden regelmäßig ausgetauscht! Umso schöner, war es, sich endlich von Angesicht zu Angesicht zu unterhalten und austauschen zu können! Sofort war da dieses vertraute Gefühl! Auch wir haben uns damals über genau diese Gefühle und Gedanken unterhalten und es war sehr befreiend! Jedes einzelne Wort in diesem Beitrag kann ich genauso unterschreiben! Danke Dir, liebe Juli! 

“Ein Eindruck davon, wie überfallartig und unvorbereitet einen seltsame Gedanken überfallen können, wurde mir quasi im gleichen Atemzug mit der Zwillingsdiagnose serviert. „Das sind zwei!“, sagte mein Frauenarzt in der neunten Woche. „Na prima“, dachte ich mir, „dann wird’s ja wohl wenigstens einer von beiden schaffen!“, spuckte mein Hirn aus. Ich hätte mich um ein Haar umgesehen, um sicher zu stellen, dass ich diesen Gedanke gerade tatsächlich selbst hatte und dass ihn mir niemand Fremdes gerade ins Ohr geflüstert hat.
Aber so ist das mit unsere Gedanken und Gefühlen: Sie sind nicht wir, aber sie kommen zu Besuch. Stets unaufgefordert. Am besten heißt man sie willkommen, denn herein kommen sie ohnehin. Und je mehr man versucht, sie loszuwerden, desto hartnäckiger kleben sie mit ihren Popos auf unseren inneren Sofas fest.
Nicht immer wissen wir, woher diese Gäste kommen. Zu Beginn meiner  Zwillingsschwangerschaft war mir das jedoch ziemlich klar. Ich hatte nur wenige Wochen zuvor eine Fehlgeburt, die mich sehr mitgenommen hat. Ich war noch immer traurig und ängstlich und mir graute vor einem erneuten Verlust, auf den ich keine Kontrolle haben würde. Doch dieses Mal ging alles gut. Mehr als gut. Ich hatte eine völlig komplikationslose Schwangerschaft und brachte am Ende der 38. Woche meine gesunden Jungs per Kaiserschnitt zu Welt.
Und dann wurde es hart. Streckenweise. So wie es für alle jungen (Zwillings-)Eltern hart wird. Die Zwillbos waren für meinen Geschmack nicht gerade Einsteigermodelle und forderten stets lautstark ein, was die Eltern zu tun hatten. Ganz egal, ob wir Anfänger die Botschaften immer gut dechiffrieren konnten. Schuckeln, Stillen, Tragen, Nähe bestimmten ab sofort für Monate unseren Tagesablauf. Geschlafen haben die Beiden nur auf dem Mann und mir und mit etwas Glück im Kinderwagen. Und so kamen nach einer Zeit der dauerhaften Erschöpfung mal wieder einige Gedanken und Gefühle auf einen Sprung vorbei.

Müde Doppelmama.

Ich sehe mich immer noch ganz genau selbst vor meinem inneren Auge: Der Sommer schwappt hinüber
in den Herbst. Es ist bewölkt, dämmrig und regnerisch. Ich ziehe Jacke und Halstuch enger um mich,
werfe einen Blick auf den dunklen Regenhimmel und schiebe den Kinderwagen weiter durch den Park.
Kein Mensch ist außer mir unterwegs. Und ich wäre es vermutlich auch nicht, wenn ich keine Kinder
hätte. Keine Zwillingskinder. Mir stehen die Tränen in den Augen und ich ringe um Fassung. Ich bete um ein bisschen Ruhe in den Körbchen vor mir, einfach damit ich hier noch ein wenig umherschieben und der Mann endlich mal etwas abschalten kann. Er war in der vergangenen Nacht genauso viel wach wie ich, hat mir beim Stillen geholfen, mir Babys angereicht, gewickelt, mir Brote geschmiert und Wasser gebracht. Wir sind müde und mürbe von den vergangenen Wochen, die doch so voller Zauber sein sollten. Und dann stehe ich da im Nieselregen und bin einfach nur wütend. Wütend und frustriert. Weil ich Zwillingsmama bin. Weil das Leben mich für diese Aufgabe ausgesucht hat, die mir doch in diesem Moment einfach viel zu groß erscheint! Warum musste ich denn ausgerechnet zwei Babys auf einmal bekommen?! Ich hadere mit meinem Schicksal. Um keinen von beiden kann ich mich mal so richtig und in aller Ruhe kümmern. Da ist binnen kürzester Zeit noch jemand genauso Hilfloses, der meine Kraft und Aufmerksamkeit einfordert. In diesem Moment kann ich mich überhaupt nicht dankbar fühlen für diese Aufgabe, die mir einfach nur als Bürde erscheint. Und gleichzeitig zerreißt mich mein schlechtes Gewissen und die Angst, die mir diese Gedanken und Empfindungen machen. Schließlich liebe ich meine Kinder doch! Oder etwa nicht genug?

Am Ende ist alles gut. Foto: Mareen Meyer

So kämpfe ich mich also durch diesen späten Nachmittag, lasse Gedanken und Gefühle kommen und gehen. Dann sind sie irgendwann wieder vorüber. Und ich fühle mich irgendwie ein wenig erleichtert.
Weil ich sie mir erlaubt habe. Oh wie oft ich Einlingsmüttern in Cafés ihren heißen Cappuccino neidete! Mit nur einem Kind, so dachte ich, hätte ich das alles viel besser stemmen können. Das hätte ich immer schleppen können und hätte stets selbst noch eine Hand frei gehabt. Zuweilen ärgerte ich mich regelrecht über eines der Kinder, das mich gerade besonders mit Beschlag belegte und mir die Zeit mit dem anderen Baby stahl. Für meinen Geschmack war ich viel zu sehr auf Hilfe angewiesen mit zwei Babys. Dafür schämte ich mich manchmal regelrecht und mein Ego musste ganz schön Federn lassen.

Heute ist das alles irgendwie längst vergessen. Es spielt keine Rolle mehr. Vielleicht ist das auch so, weil ich mich mit anderen Frauen darüber austauschen konnte, mit anderen Zwillingsmamas, die auch schon im größten Chaos zwischen zwei brüllenden Babys gesessen haben und kaum mehr wussten, wo sie anfangen sollen zu trösten, stillen, füttern oder zu kuscheln. Mich haben während der harten Momente immer zwei Gedanken oben gehalten: Das Leben bürdet uns niemals mehr auf als wir tragen können. Und: Zwillingskinder sind keine Laune der Natur. Es würde sie nicht geben, wenn es nicht zu bewältigen und die Kinder Schaden davon tragen würden, nicht pausenlos unsere ungeteilte Aufmerksamkeit zu haben. Das funktioniert mit etwas Übung nämlich ungemein gut: erschreckenden Gedanken und Gefühlen Ermutigung und Zuspruch entgegensetzen.”

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