Am Ende war nichts gut.

Ich sah sie in ihrem Wärmebett und erinnere mich an keine Gefühle die ich gespürt habe. Alles ist verschwommen. Ich stand einfach da, habe sie berührt und nichts von dem was passiert ist realisiert. Ich fühlte mich fremd und fehl am Platze. Ich schämte mich so sehr…

Babyblues, Depression und Gefühlslosigkeit. Kaum einer redet darüber und dabei betrifft es so viele Frauen!! Heute berichtet die liebe kiwu.journey (Ihr findet sie auf Instagram) wie es ihr in der ersten Zeit nach der Geburt ihrer Zwillinge Lars und Tammo ging. Ich habe beim Lesen geweint und einen Kloß im Hals! Ich kenne sie selbst etwas näher und sie ist eine so wunderbare Person und wahnsinnig tolle Mama!

Als ich meine Söhne das erste Mal bewusst sah, waren sie bereits über 24h alt. Ich rollte in den Raum, sah sie in ihrem Wärmebett liegen und fühlte… nichts.

Meine Zwillinge Lars und Tammo habe ich spontan bei 34+1 nach 27h Wehen geboren. Eine normale Geburt war immer mein größter Wunsch, denn ich war sicher, dass diese eine so wichtige Rolle in unserer Beziehung spielen würde. Zum Ende der Geburt war ich beinahe nicht mehr bei Sinnen. Ich hatte hohes Fieber und hörte nur noch dumpf die Geräusche um mich herum. Wie viele Menschen am Ende um mich herum standen und auf mir drauf lagen kann ich nicht mehr sagen… Es fühlt sich an, als fehlten viele Minuten zwischen Momenten in meiner Erinnerung. Lars wurde zuletzt mit der Saugglocke fixiert, da ich keine Kraft mehr hatte. Er wurde mir kurz auf den Bauch gelegt und sofort genommen, da ich Tammo noch gebären musste. Ihn hatte ich keine halbe Sekunde auf mir liegen, da er nicht schrie und blau war. Doch kaum war er von meiner Brust genommen, fing er an zu atmen. Sofort verschwand man mit den Babys auf die Frühchenstation. Da der Papa mit ging, war ich nun alleine.

Wir warteten auf die Nachgeburt. Sie kam nicht, sodass eine OP stattfinden musste. Ich lag dort und fühlte mich wie ein Schwein auf der Schlachtbank. In mir wurde herumgerissen… ich dämmerte immer wieder weg und wurde wach gehalten. Es dauerte alles ewig… Um 17 Uhr wurden meine Babys geboren, um 21 Uhr erwachte ich im Aufwachraum. Ich hatte so viel Blut verloren, war kaum bei Sinnen und musste mich zwischen der ersten Milchgewinnung mehrmals übergeben. An die Bonding-Begegnung irgendwann nach meiner Not-OP nach der Entbindung kann ich mich nicht mehr erinnern, alles ist dunkel. Angeblich schob man mich zu den Babys, sodass ich Lars auf die Brust nehmen konnte. Tammo musste eine Nacht im Inkubator liegen. Es gibt ein Foto davon…

Erst am nächsten Tag war ich wieder bei Sinnen und ließ mich zu ihnen bringen. Ich konnte mich kaum bewegen, konnte nicht aufstehen. Der zu hohe Blutverlust hatte meinen Körper zu sehr geschwächt. Ich sah sie in ihrem Wärmebett und erinnere mich an keine Gefühle die ich gespürt habe. Alles ist verschwommen. Ich stand einfach da, habe sie berührt und nichts von dem was passiert ist realisiert. Ich fühlte mich fremd und fehl am Platze. Ich schämte mich so sehr…
Ich funktionierte fortan wie eine Maschine. Stillen üben. Fütterkampf. Pumpen, Pumpen, Pumpen. Für irgendeine Art der Erholung war keine Zeit. Wickeln lernte ich vom Papa als ich nach 2 Tagen etwas stehen konnte. Alle möglichen Hände hatten meine Babys berührt bis ich sie endlich versorgen konnte. Der Baby-Blues kam in großen Wellen, und ging.

Mein Körper erholte sich in den kommenden 2 Wochen erstaunlich gut, angesichts der Verletzungen, Wassereinlagerungen und dem enormen Blutverlust eine stolze Leistung. Und doch fühlte ich mich fremd in der eigenen Haut. Meine Seele war… kaputt? Ich wartete auf das über alles erhabene Glücksgefühl endlich Mutter sein zu dürfen. Und wartete. Und wartete… Wartete auf die bedingungslose Liebe die man doch spüren müsse? Die alle spüren. Wann? Stattdessen spürte ich nur Überforderung, statt Gewinn nur Verlustgefühle. Zu viel Verantwortung für mich, sie, uns. Ich wollte raus aus dieser Situation. Raus?

Dabei wollte ich doch jahrelang nichts anderes. Mit allen Mitteln hatte ich Jahrelang gekämpft, wollte Mama sein… war so vielen ein Vorbild sagte man mir. Und jetzt? Ich hasste mich selber so sehr!!! Ich hasste wie ich dachte und fühlte und was ich nicht fühlte. Ja, es war hart am Anfang mit zwei Frühchen und ihren Problemchen zuhause, das habe ich immer ehrlich kommuniziert. Das Offensichtliche, Greifbare, was man erzählt und nach Außen trägt. Das Vergleichbare. Doch niemand weiß wie schlecht es mir wirklich ging – außer mein Mann vielleicht.

Ich habe jeden Tag geweint, manchmal völlig unkontrolliert und hysterisch. Wollte einfach nur weg hier… Kuscheln mit meinen Babys? Ich wusste nur “das macht man so”. Ich schämte mich in den Boden… Ich versteckte mich und meine Gefühle. Dachte auch immer mal wieder, dass es vielleicht ein Stück weit normal ist sich erst an die neue Rolle als Mutter und das neue veränderte Leben gewöhnen zu müssen. Im Prinzip ist dem auch so, doch was ich durchmachte war mehr als das. Knapp 3 Monate ging das akut so, dann erkannte ich, dass etwas nicht stimmt.

Ich habe mich Schritt für Schritt aus der Depression gekämpft, kämpfe noch. Ich weiß gar nicht genau wie… Das Abstillen spielte eine Rolle, ebenso Gespräche, meine eigene Reflexion. Ich hatte in vielen Jahren gelernt eigenständig mit Trauer umzugehen und habe mich oft mit eigener Kraft auf Sümpfen ziehen können. Die Trauer um die “verpasste Anfangszeit” erdrückt mich dennoch manchmal. Nein, oft. Mir fehlt was, mir fehlen diese (mindestens) 3 Monate. Schaue ich mir Fotos von der Zeit an, füllt sich mein Herz mit Schmerz. Als wäre ich nicht dabei gewesen… Diese wunderschönen Babys, meine Babys. Wie konnte ich nicht einfach nur eins mit ihnen sein und das genießen? Ich trauere um etwas das ich so verdient gehabt hätte und mir immer vorgestellt und sehnlichst gewünscht habe. Doch nach all den Kämpfen war meine Kraft am Ende, als ich sie am dringendsten gebraucht hätte.

Niemals hätte ich gedacht WIE wichtig es ist die Zeit unmittelbar nach der Geburt, mag sie auch noch so traumatisch gewesen sein, in enger Bindung zu dem/den Baby(s) zu leben. Mir kam lange gar nicht in den Sinn, dass es genau das war was fehlte. Ich schob es einfach auf die Belastung der „Herausforderung Zwillinge“. Ich las viel, tauschte mich mit Gleichgesinnten aus und erkannte, es war mehr, schlimmer, tiefgründiger als das.

Heute mit der Erkenntnis dass ich keine Schuld trug, geht es mir so viel besser. Die Liebe zu meinen Jungs ist nicht in Worte zu fassen. Ich liebe alles an ihnen, das Kuscheln und jeden Moment der Nähe. Ich versuche wieder gut zu machen was ich nicht leisten konnte. Das schlechte Gewissen ist enorm, auch wenn mir bewusst ist, dass ich es nicht anders hätte machen können.

Meine größte Herausforderung in den letzten Monaten war ich selbst. Um nun glücklich zu werden und nach vorne schauen zu können werde ich alles was passiert ist – vom Kinderwunsch bis jetzt – verarbeiten müssen. Genau wie beim Kinderwunsch (unerfüllt, Fehlgeburten etc.) ist auch bei dem Tabuthema Wochenbettdepression Offenheit ein essentieller Faktor für die Bewältigung – für mich. Nein, manchmal ist mit der Schwangerschaft/Geburt nicht plötzlich “alles gut”. Ein Trugschluss, wie ich – für mich – leider erfahren muss. Auch diese Art der Trauer ist wichtig sie zuzulassen und aufzuarbeiten was verdrängt wurde. Ich weiß, auch das werde ich schaffen.

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